Potenziale eines Zahlplankalkulators
Finanzdienstleister definieren sich immer stärker über Services und kreative Produkte. Gleichfalls wächst vor dem Hintergrund steigender Kapitalbedarfe die Notwendigkeit einer durchgängigen Ermittlung des unternehmerischen Risikos beim Anbieter. Mit dem Ansatz der flexiblen Zahlplankalkulation sowie der Berechnung und Auswertung aussagekräftiger Obligoverläufe wird diesen Entwicklungen Rechnung getragen. Neben der Kalkulation und Darstellung von Raten, Gebühren und Berechnungszeiträumen weisen Anbieter damit auch konkrete Zahlungstermine, Zins- sowie Tilgungsbeträge aus.
Im Zuge der gegenwärtigen Diskussion um die Etablierung der inzwischen anerkannten Standards serviceorientierter IT-Architekturen nehmen zahlreiche Leasing- und Finanzierungsanbieter Änderungen an ihren oftmals über Jahre oder gar Jahrzehnte gewachsenen, monolithischen Softwaresystemen vor. Daraus ergeben sich zwei wesentliche Hauptziele. Einerseits wird Offenheit im Hinblick auf die Integrationsfähigkeit in übergeordnete Systemlandschaften sowie die Anbindung externer Applikationen angestrebt, andererseits eine größtmögliche Automatisierung bestehender Geschäftsprozesse. Letzteres geht jedoch unweigerlich mit dem Verlust einer gewissen Flexibilität einher, in deren Folge wiederum die Gefahr mangelnder Individualität in der Geschäftsbeziehung mit Kunden besteht.
Mehr Flexibilität in der Abrechnung
Ein im Wertschöpfungsprozess von Leasing- und Finanzdienstleistern entscheidendes Kriterium liegt in der Kalkulation und Berechnung der Ratenzahlungen. Starre Berechnungsmodelle gehen dabei zumeist von gleichmäßigen periodischen Ratenzahlungen aus, in der Regel monatlich. Die errechneten Raten werden dann nach Vertragsbeginn durch einen periodischen, das heißt, meist monatlichen Inkassoprozess für den vorgegebenen Monat und gegebenenfalls für noch nicht berechnete Vormonate eingefordert. Die Teilrate für den ersten Monat kann bei Vertragsbeginn sofort, mit der ersten Rechnungsstellung oder bei Vertragsbeendigung berechnet werden. In jedem Fall bleibt dem Kundenbetreuer, der die Einzelkalkulation letztlich durchführt, nur wenig Spielraum, die Berechnungsvarianten kundengerecht anzupassen. Schuld daran trägt wiederum der im IT-System abgebildete Geschäftsprozess, der für die Ratenkalkulation und ?berechnung keine praktikable Lösung zur flexiblen Anpassung vorsieht.
Dabei liegen die Grenzen dieser Systematik auf der Hand: Ändern sich während der Vertragslaufzeit die Berechnungsgrundlagen, zum Beispiel im Auto-Leasing die Mietberechnungsgrundlage durch das nachträgliche Hinzufügen von Zubehör oder der Restwert durch eine notwendige Anpassung der Kilometerleistung, so muss eine rückwirkende Vertragsänderung zum Vertragsbeginn mit Ratenausgleich durchgeführt werden, da die Kalkulation immer auf der gesamten Vertragslaufzeit basiert. Aus dem gleichen Grund lassen sich verschiedene Änderungen während der Laufzeit, wie beispielsweise des Zinssatzes, nicht praktikabel abbilden. Schließlich können variierende Ratenzahlungen sowie Ratenaussetzungen in der Kalkulation nicht berücksichtigt werden.
Ein Lösungsansatz, um Abhilfe in der Starrheit der Ratenberechnung und damit der gesamten Vertragsgestaltung zu schaffen, liegt in der softwareseitigen Einbindung eines Zahlplankalkulators in den Geschäftsprozess der Kalkulation und Re-Kalkulation von Leasing- und Finanzierungsverträgen. Dieser ermöglicht die Erstellung eines Zahlplanes für die jeweiligen Finanzraten über einen Vertragszeitraum unter Berücksichtigung einer vorgegebenen Vertragsdauer, einer variierenden Berechnungsgrundlage, etwa durch Erweiterung des Zubehörs, variierender Ratenzahlungen und Ratenaussetzungen sowie gegebenenfalls eines variierenden Zinssatzes.
Alle Zahlungen im Blick
Zunächst einmal enthält der Zahlplan die Zahlungen zu einem bestimmten Fälligkeitstag je Zahlungsperiode für die vereinbarte Laufzeit eines Vertrages. Daneben werden zu jeder Zahlung eine Reihe wichtiger Parameter, wie zum Beispiel Zins- und Tilgungsanteil, Barwerte ausstehender Zahlungen und der aktuelle Marktwert des Objektes, hinterlegt. Daraus ergeben sich für den Finanzierungsdienstleister eine ganze Reihe aussagestarker Analysemöglichkeiten (Abbildung 1). Typische Anwendungsfälle für den Einsatz eines Zahlplanes können unter anderem die termingerechte Monatsratenermittlung, der Nachweis bereits gezahlter und zukünftiger Raten gegenüber dem Vertragspartner sowie die Ermittlung und Dokumentation von Korrekturbeträgen sein.
Vielfältige Optionen
Darüber hinaus eröffnet ein derart universeller Zahlplan jedoch noch weitere Möglichkeiten. Die genannten und in der Datenbank gespeicherten Werte sowie enthaltenen Informationen lassen sich anschließend weiterverarbeiten und in vielerlei Hinsicht nutzen. Über geeignete Berechnungsmodelle können Anbieter diese Daten dann in Form anpassungsfähiger Finanzierungsoptionen in die Erstellung attraktiver Produkte einfließen lassen.
Zu diesen Potenzialen der Zahlplankalkulation zählen:
- die Verwendung flexibler Zinssätze bei der Angebotskalkulation, wie zum Beispiel eine Ermittlung der Finanzrate, orientiert am aktuellen Geldmarktzins auf Basis des Drei-Monats-Euribors
- die Berücksichtigung variabler Zahlungsperioden (monatlich, quartalsweise, jährlich)
- die unkomplizierte Abbildung individueller Wunschraten, Staffelraten oder auch vorübergehender, beispielsweise saisonaler Ratenaussetzungen (siehe Abbildung 2)
- die Darstellung beliebiger Fälligkeiten, nicht mehr zwingend zum Monatsersten
- die Abbildung degressiver Raten, die den tatsächlichen Werteverzehr des geleasten oder finanzierten Objektes realistisch widerspiegeln (siehe Abbildung 3)
Weitere Anwendungsszenarien:
- die Umlage von rückwirkenden Vertragsänderungen auf künftige Ratenzahlungen
- eine vereinfachte Abwicklung von Verlängerungsverträgen, die nun ab einem gewünschten Datum mit neuen Parametern, wie etwa Zinssatz oder Restwert, kalkuliert werden können
- die vorausschauende Vertragskündigung
Die technische Umsetzung eines Zahlplankalkulators muss sich an einer einfachen Integrierbarkeit in die verschiedensten heterogenen Systemlandschaften ausrichten. Durch die Verwendung moderner, offener Architekturkonzepte kann dem heute vergleichsweise einfach Rechnung getragen werden. Dabei ist darauf zu achten, die jeweiligen Leasing- oder Finanzierungsraten in Zins- und Tilgungsanteil gesplittet abzulegen, um neben zusätzlichen Auswertungsmöglichkeiten im Falle von Finanzierungs- oder Finanz-Leasing-Verträgen eine einfache, IFRS-konforme Buchung und Bilanzierung zu unterstützen.
Obligoentwicklung und Risikobewertung
Neben der Steigerung der Vielfalt und Attraktivität eigener Produkte sowie der Erhöhung der Servicequalität dem Kunden gegenüber bietet die Zahlplankalkulation und -auswertung den Leasing- und Finanzierungsinstituten noch zusätzlichen Nutzen. Auf Basis der ermittelten und analysierten Zahlplanwerte kann nämlich die Obligoentwicklung für Verträge und Kunden sowohl historisch als auch prognostisch dargestellt und damit eine Ermittlung des unternehmerischen Risikos für den Anbieter vorgenommen werden. Dies ermöglicht Anbietern die gesamte Betrachtung des Barwertverlaufes, also des Wertes der zu einem bestimmten Zeitpunkt noch ausstehenden Raten inklusive Zinsen (Barwertmethode). Werden Barwerte sowohl mit Vertragszins als auch mit Refinanzierungszins diskontiert abgebildet, kann man sofortige Aussagen zu ausstehenden Barwertmargen treffen. Auf Grundlage der historischen und prognostischen Obligoverläufe werden Anbieter in die Lage versetzt, über die üblichen Formen von Kennzahlen und Ratings hinausgehende Risikoanalysen durchzuführen. Durch Vergleich des jeweiligen Restobligos mit dem aktuellen Marktwert des Objektes stehen umfangreiche Gap-Analysen gleichsam ad hoc zur Verfügung.
Fazit
Mit geeigneten Funktionalitäten zur Zahlplankalkulation ausgestattete Softwaresysteme stellen Anbietern von Finanzprodukten in den Bereichen Leasing und Absatzfinanzierung eine Fülle von Informationen zur Unterstützung optimaler Entscheidungsfindung bei der Unternehmenssteuerung, nicht zuletzt mit Blick auf die Erfüllung steigender Transparenzanforderungen bei der Refinanzierung, zur Verfügung. Außerdem unterstützen sie die Darstellung attraktiver Produktvarianten, wie zum Beispiel flexible Zinsmodelle (Einstand und Marge) oder unterschiedliche Ratenhöhe, und helfen damit bei der Verbesserung der Markposition.
Der Autor
Dr. Uwe Landmann, Limbach-Oberfrohna
ist Vorstand der DELTA proveris AG, einem Hersteller von Softwarelösungen für Leasing- und Finanzierungsdienstleistungen. Anwendungen des Unternehmens sind vorrangig bei Anbietern von Mobilienleasing im gesamten deutschsprachigen Raum im Einsatz.



